von Christoph Twickel
Im Sommer 2002 fuhr ich mit dem Schwabinggrad Ballett nach Straßburg zum Grenzcamp . Wir gaben auf Straßburgs Brücken und Plätzen ein Laientheaterstück mit dem Titel "Hellenen Raus!" (siehe Track 15). Das Camp war ein Zeltlager voller No Border-Aktivisten, die meisten vegan orientiert und mit "Wursthaaren" angetan, wie wir ihre Dreadlocks in nicht ganz richtiger, aber auch nicht ganz unrechter Abscheu nannten. Am Abend, nach getaner Demo, gab das Schwabinggrad Ballett im Camp ein Konzert. Empörung schlug den Musikern entgegen, als sie die Nummer "Moderne Welt" intonierten, ein alter Song der Münchner Band Freiwillige Selbstkontrolle. "Wir sagen 'Ja' zur modernen Welt"? Oha! Das gefiel den Wursthaaren garnicht! "Buh!" "Aufhören!" "Moderne Welt – total daneben!" Es war abzusehen, und das mochte ich am Schwabinggrad Ballett. Weil auf Demos spielen, das kann ja jeder. Die Tocos, Die Sterne, Blumfeld... wer weiß, vielleicht eröffnen bald Silbermond die Maidemo in Berlin. Aber sich vor die Wursthaare zu stellen und "Ja" zur modernen Welt zu sagen? Besser noch: In berückender Mehrstimmigkeit zu singen!
Also, Musikjournaille, schreib mal ab: "Das Schwabinggrad Ballett ist ein
aus einem Hamburger Debattierzirkel namens Buttclub hervorgegangenes mobiles
Einsatzkommando von MusikerInnen und NichtmusikerInnen, PolitaktivistInnen
und KünstlerInnen. Eine Kapelle für antizyklische Umzüge zur Unterstützung
umstürzlerischer Aktivitäten."
Zum Beispiel: Zur Wiederbelebung der stillgelegten Parade des Hamburger
Einzelhandels zogen wir Ende 2002 in Häschen- und Astronauten-Kostümen durch
die Einkaufszone und intonierten "Geiz ist geil" auf der Melodie von "Life
is Life". Nach 45 Minuten begann die Polizei, den Teilnehmern der Parade
Innenstadtverbote zu erteilen. "Poplinke" haben das Schwabinggrad Ballett
die anderen manchmal geschimpft, weil es Verwirrung stiften wollte, wenn
sie "unsere Antwort: Widerstand" riefen. Von wegen Antwort!
Ich war mir sicher, das Schwabinggrad Ballett widerstrebe dem Bandformat und seinem Kreislauf. Akkordeon, Pauken, Blasinstrumente – auch die Instrumentierung war ja der Idee der marching band geschuldet (siehe Track 12). Statt Leadsängern heisere Chöre, statt Diskurspop sollte dadaistischer Agitprop das Kerngeschäft bilden. Platten machen, Infos rausgeben, Promotage ansetzen, auf Konzerttour gehen, beim Interview "Diese Platte ist unsere bisher politischste" sagen? Mir wird schlecht!
Kurz nachdem wir mit Hilfe der Superheldin "SuperNOlympica" erfolgreich Hamburgs Olympiabewerbung torpediert hatten, trat das Schwabinggrad Ballett in die Phase "Zusammen leben, arbeiten, musizieren" ein. Nur als temporäre Zone natürlich, nicht wie bei Can oder Ton, Steine, Scherben. Mehr so experimentell, ein paar Wochen Kommune, ein paar Wochen der Koketterie nachgeben, die der Titel von Track 10 so trefflich beschreibt. Free Jazz, freie Geister, Saisongemüse essen, Drogen nehmen, Pingpong spielen. Der wendländischen Nachbarin gefiel es ebenso wenig wie den Straßburger Wursthaaren (siehe Track 16). Das Schwabinggrad Ballett aber hat es zusammengeschweißt. Jetzt ist es doch so was wie eine Band geworden. Jetzt bringen sie sogar ein Album raus. Schreib auf, Musikscherge:
"Geile Scheibe. Siebzehn Hammertracks zwischen Katzenmusik und Kollektiv. Siebzehn Rachenputzer zwischen Punk und Penderecki. Siebzehn Mal Edutainment zwischen kritischer Masse und massiver Kritik. Echt schwierig und echt schön." Und in der Schönheit liegt das Scheitern. Bambule ist vorbei, im Buttclub sitzen andere, welche ziehen nach Berlin, welche kriegen Kinder, oder einen neuen Job, wie's halt so geht. "I'm under control of a mighty force / a strange opression talking me down / taking me places". Ist doch wahr. Heute wäre es doch ganz normal, wenn 1000 vollverschalte Bullenschweine ein Dutzend musizierende Häschen aus der City trieben. Keiner sagte mehr was. Außer dem Schwabinggrad Ballett: "Wir sehen die Platte ja auch nicht als Ende des politischen Projekts". Na das will ich aber sehen! Da warte ich drauf! Schafft ein, zwei, viele Schwabinggrad Balletts! Oder soll das ewig so weitergehen?
Das Schwabinggrad Ballett gründete sich 2000 bei einem antirassistischen
No Border Camp. Es entwickelt flexible Strategien der politischen Intervention,
die Verwirrung stiften und Formen aufbrechen sollen.
Das Schwabinggrad Ballett vereint in seinem Namen die Erinnerung an die größte
Niederlage der Nazis und die ersten bohemistischen Strassenmusiker-Krawalle der
Republik. Es ist ein offenes Kollektiv und Teil eines Netzwerks, das unter
anderem den Hamburger Buttclub betreibt. Dort werden Diskussionen, Lesungen,
Ausstellungen, Konzerte, Lesegruppen und Aktionen organisiert.
HELLAS – DIE WIEGE DER ZIVILISATION (seit 2000)
Die als Griechen verkleideten Akteure preisen die Vorzüge ihrer
Zivilisation. Als Barbaren Einlass in dieses demokratische Paradies
begehren, bekommen sie angeboten, sich als Sklaven zu bewerben. Auf dem
abendlichen Sklavenmarkt haben sich die Griechen in Schale geworfen, um
dem Spektakel beizuwohnen. Die Computersklavin findet sofort einen Käufer,
genau wie der Sexsklave, der Jodl Sklave wird zurück nach Bavaria
geschickt, während der Bausklave sich nur als Subsklave eines
einheimischen Sklaven verdingen darf.
HELLAS LE BERCEAU DE LA CIVILISATION (2002)
Im NOBORDER Camp in Strassburg 2002, gelang es dem Schwabinggrad Ballett
als einziger Aktion, in der völlig von CRS abgeriegelten und mit
Demonstrationsverbot belegten Stadt, einige Stunden zu spielen. Auch ein
Auftritt auf dem zentralen Platz Kleber ging über die Bühne, bis die
Polizei das Ballett einkesselte, um die Griechen als verbotene
Demonstration zu verhaften. Der beinharte Verhandlungscharme der
Conferencieuse, wurde von der Gruppe durch das Spielen populärer Schlager
von Gilbert Becaud, Hanns Eissler und Boris Vian unterstützt. Das
hinzuströmende und sich empörende Publikum sorgte für zusätzliche
Nervosität in den Reihen der CRS, so dass ein unbehelligter Rückzug des
Balletts bei gleichzeitigem Rückzug der Polizeikräfte vereinbart werden
konnte.
WEMGEHÖRTDIESTADT (2001)
Im Rahmen der Wiederbesetzung des Park Fiction Geländes, nach der
Besetzung durch Polizeikräfte am 24. April 2001 im Zuge der “Medianight”.
DAS SYMPTOM ERGREIFT DIE MACHT (2001)
Bürgerlich gekleidete Schwabinggrad Ballett Mitglieder dringen während der
Vereidigung des Hamburger Rechtsblocks mühelos in die Bannmeile auf dem
Rathausmarkt ein. Regenschirme mit aus Filmen entlehnten Slogans werden
aufgeklappt, um den Unmut der Hanseaten über die Regierung in die Welt zu
tragen.
WEIHNACHTSPARADE DES DEUTSCHEN EINZELHANDELS (2002)
Seit Monaten herrscht in Hamburg Demonstrationsverbot für alle, die gegen
die Räumung des Hamburger Bauwagenplatzes 'Bambule' protestieren wollen.
Schwabinggrad führt zur Aufmunterung der innerstädtischen Kauflust eine
Weihnachtsparade aus Weihnachtsmännern, Osterhasen, Napoleon, Müllmännern,
Schweinen und Schlachtern durch, und verteilt zur Aufmunterung 20-
Euroscheine mit zehn verschiedenen Slogans auf der Rückseite. Bis zum
Platzverweis durch die Hamburger Polizei kommen 12.000 Flyer unters Volk.
SUPERNOLYMPICA (2003)
Zu den wenigen, aber gezielt gesetzten Auftritten von SUPERNOLYMPICA,
Hamburgs Heldin für sportliche Fairness, die mit ihren Warnungen und
Prophezeiungen Hamburg vor dem Olympia Spektakel 2012 bewahrte, spielte
das Superhelden Orchester Schwabinggrad Ballett die melancholisch
heroische Einlauf Musik.